Die Otto-von-Habsburg-Stiftung und das John-Lukacs-Institut der Nationalen Universität für den Öffentlichen Dienst gedachten des Professors der ELTE, des ehemaligen ungarischen Botschafters in Brüssel, in Kreisen seiner Familienangehörigen, Studenten, Mitarbeiter und Verehrer und stellten sein Tagebuch vor, das im vergangenen Herbst mit unserer Unterstützung im Verlag Gondolat erschienen ist.
László Szegedi, stellvertretender Rektor für Bildung der Universität, hob aus dem reichen Lebensweg von György Granasztói dessen Dienst im edelsten Sinne des Wortes hervor, der auch für heutige Generationen vorbildlich sein sollte. Gergely Prőhle, Programmdirektor des Instituts, betonte das nationale und europäische Engagement des Diplomaten, das in traditionellen bürgerlichen Werten verwurzelt war. Mit seinem fundierten Fachwissen als Historiker und seinen angeborenen Fähigkeiten gehörte er zu denen, die nach der Wende 1989/90 in Regierungspositionen – und später auch in der Opposition – eine unerschütterliche pro-westliche Einstellung vertraten.
In seinen einleitenden Gedanken erinnerte László Trócsányi an die Wendezeit. Der Rektor der Reformierten Universität Károli Gáspár) und ehemalige Justizminister bezeichnete die Regierung Antall als einen von Historikern (Geisteswissenschaftlern) dominierten Intellektuellenkreis, in dem neben dem Ministerpräsidenten auch Für Lajos, Jeszenszky Géza, Tamás Katona sowie im diplomatischen Dienst Gábor Erdődy, András Gergely, László Ódor, János Szávai und László Szörényi an der Regierungsarbeit beteiligen konnten. Als schicksalhaft bezeichnete er aus den Jahren, die das veröffentlichte Tagebuch umfasst, die Sitzung des NATO-Ministerrats am 28. Oktober 1991, bei der József Antall als erster der Staatschefs Mitteleuropas mit den Leitern der Organisation zusammentraf und an deren Vorbereitung Granasztói maßgeblich beteiligt war. Als ehemaliger Diplomat äußerte sich Trócsányi anerkennend über die offiziellen Berichte, vertraulichen Lagebeurteilungen und Hintergrundinformationen im Anhang des Bandes, die von der Kompetenz, der Synthesefähigkeit und den prägnanten Einsichten des auf die internationale Bühne vorstrebenden Philosophen zeugen. Der Referent bezeichnete den Historiker als Amateur, der sich im ursprünglichen Sinne des Wortes vollständig mit der Sache und der Gemeinschaft identifiziert, der er mit seiner Arbeit dient.
Über das wissenschaftliche Erbe von György Granasztói sprachen Gábor Czoch und Judit Kelment, Dozenten am Interdisziplinären Fachbereich für Geschichte der ELTE, sowie László Zsinka (Institut für Internationale und Politikwissenschaften der PPKE), der aus dem gleichen Kreis stammt. Über die wissenschaftliche Methode ihres ehemaligen Professors wurde gesagt, dass er in Anlehnung an die Traditionen der französischen Annales-Geschichtsschreibung zahlreiche, später weit verbreitete Forschungsmethoden eingeführt habe; in seiner Arbeit wandte er die Grundprinzipien der problemorientierten Geschichtsschreibung an und war in der Lage, sein Wissen an neue, die Geschichtsauffassung prägende Trends und Paradigmen – wie beispielsweise die computergestützte Datenverarbeitung – anzupassen, sobald diese aufkamen und sich durchsetzten. All dies tat er mit der Ethik eines Bürgers mit europäischer Perspektive und bewahrte dabei seine Offenheit und sein Interesse auch in persönlichen Beziehungen. Gleichzeitig arbeitete er kontinuierlich an der Entwicklung des international anerkannten Ateliers, der im Laufe der Jahrzehnte immer interdisziplinärer wurde.
Im zweiten Gespräch des Tages untersuchten unsere Gäste die außenpolitischen Auswirkungen der Wende in Ungarn. Géza Jeszenszky und János Martonyi, ehemalige Außenminister, Miklós Király, Leiter der Abteilung für Internationales Privatrecht und Europäisches Wirtschaftsrecht der juristischen Fakultät der Eötvös-Loránd-Universität, und Klára Breuer, derzeit aktive Diplomatin, sprachen darüber, in welcher Lebenssituation sie sich befanden, als die Möglichkeit der europäischen Integration vor 36 Jahren greifbar nahe rückte. Der Außenminister der Regierung von József Antall interpretierte 1990 den vom MDF angebotenen Slogan „Freiheit und Eigentum” und definierte die ideologische Ausrichtung der ersten frei gewählten Regierung als das Resultat des nationalen Liberalismus, der christlichen Demokratie und der Volksidee, was jedoch nie im Widerspruch zum Bedürfnis nach Anpassung an westliche Werte stand. Dieses Bedürfnis war in der ungarischen Gesellschaft immer vorhanden, erinnerte Miklós Király, selbst in dem Kataklysmus des Weltkriegs, wie Márais Essay „Kassai őrjárat” (Die Patrouille in Kaschau) aus dem Jahr 1941 belegt. Wie Premierminister Viktor Orbán bei der Beerdigung von György Granasztói im Jahr 2016 sagte:
„Und in diesem historischen und moralischen Labyrinth, das den Menschen, seinen Charakter, seine körperliche und seelische Stärke auf die Probe stellte, folgte er mit leichter Eleganz dem Weg der Treue und war und blieb ein würdiger Vertreter seiner historischen Klasse, seines Heimatlandes und seiner Zivilisation. Europäer, Ungar, Bürger. Es ist interessant, wie selbstverständlich er daran glaubte, dass selbst die sowjetische Besatzung uns nicht vom Westen trennen könne. Wie selbstbewusst glaubte er daran, dass unser Boot nicht an der Ostküste feststecken würde, und wie unerschütterlich vertrat er die Überzeugung, dass es nur von uns, genauer gesagt von unserer menschlichen Qualität, abhängt, ob das Seil erhalten bleibt, mit dessen Hilfe wir uns – wenn die Zeit gekommen ist – an die Westküste zurückziehen können. Und er hatte Recht.” In Erinnerung an György Granasztói waren sich die Teilnehmer einig, dass er als Bürger, der sich für seine Gemeinschaft opferte, eine Rolle in der großen Politik übernommen hatte, wenn auch nur für kurze Zeit.
Bei der Veranstaltung spielte Máté Dömötör Klavierstücke von Frédéric Chopin und Károly Aggházy.
Die Tonaufnahme der ganzen Konferenz können Sie sich hier auf Ungarisch anhören:













