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Anstelle eines Tagebuchs: Otto von Habsburg-Interviews in der HOAL-Sammlung

Insgesamt 133 Stunden von Videointerviews, die über einen Zeitraum von fast drei Jahrzehnten entstanden sind, wurden der Sammlung der Stiftung hinzugefügt. Da Otto von Habsburg nie ein Tagebuch oder persönliche Memoiren verfasst hat, können diese informellen Gespräche, die zwischen 1977 und 2005 aufgezeichnet wurden, als eine der persönlichsten und tiefgründigsten Quellen über ihn angesehen werden.

Anstelle eines Tagebuchs: Otto von Habsburg-Interviews in der HOAL-Sammlung

Insgesamt 133 Stunden von Videointerviews, die über einen Zeitraum von fast drei Jahrzehnten entstanden sind, wurden der Sammlung der Stiftung hinzugefügt. Da Otto von Habsburg nie ein Tagebuch oder persönliche Memoiren verfasst hat, können diese informellen Gespräche, die zwischen 1977 und 2005 aufgezeichnet wurden, als eine der persönlichsten und tiefgründigsten Quellen über ihn angesehen werden.

„Wichtig ist nicht, was wir über uns selbst sagen, sondern was man aus dem, was wir erlebt haben, verstehen kann.“
Otto von Habsburg

 

Eine ungeschriebene Memoir

Otto von Habsburg hat sein ganzes Leben lang konsequent darauf verzichtet, Tagebuch zu führen oder Memoiren zu schreiben. Wie er selbst erklärte, interessierte ihn die Zukunft immer mehr als die Vergangenheit. Diese bewusste Entscheidung verleiht den Gesprächen, die vor der Kamera aufgezeichnet wurden und in denen er immer wieder auf die prägenden Ereignisse seines Lebens zurückkam, eine besondere Bedeutung.

Ab Ende der 1970er Jahre führten Péter Bokor und Gábor Hanák über mehrere Jahrzehnte hinweg lange, improvisierte Interviews mit Otto von Habsburg. Diese Begegnungen fanden in seiner Residenz in Pöcking, Bayern, sowie in Budapest, in der Nationalbibliothek Széchényi, in Pannonhalma, Straßburg und Gödöllő statt. Es handelte sich nicht um vorab vorbereitete, strukturierte Frage-Antwort-Situationen, sondern um frei fließende Diskussionen, in denen ein aktuelles Ereignis – ein Referendum, ein Europäischer Gipfel oder eine persönliche Erinnerung – auf natürliche Weise zu einem breiteren historischen Blickwinkel führte. Dank der filmischen und redaktionellen Sensibilität der Macher können die Fernsehserie Anstelle eines Tagebuchs, der Dokumentarfilm Von Gottes Gnaden und der Band Ein Jahr mit Otto von Habsburg als unterschiedliche Eindrücke desselben fortlaufenden, übergreifenden Gesprächs betrachtet werden.

 

Historische Reflexion mit Humor und Selbstironie

Der Wert dieses Filmmaterials liegt auch darin, dass Otto von Habsburg hier nicht in erster Linie als historische Figur auftritt, sondern als reflektierender und analytischer Denker. Er spricht über das Erbe der Habsburgermonarchie, die Gefahren des Nationalismus und die Bedeutung der europäischen Integration, während er ebenso mühelos Kindheitserinnerungen und ehemalige Lehrer erwähnt oder erklärt, warum er es für unerlässlich hielt, jede Minute seiner Zeit gut zu nutzen.

Eine besondere Besonderheit dieser Gespräche ist Otto von Habsburgs charakteristischer Tonfall, der oft von Ironie geprägt ist. Neben ernsthaften historischen Analysen kommen regelmäßig unerwartete und zutiefst menschliche Momente zum Vorschein. Er erzählt beispielsweise, wie er am Ende jedes Jahres seine Notizbücher verbrannt hat – aus gesunder Vorsicht gegenüber der Gestapo und später anderen Polizeibehörden – oder warum er Hitlers „Mein Kampf“ für besonders gefährlich hielt, weil es „zu schlecht geschrieben war, um es zu lesen“.

Bei einer anderen Gelegenheit erinnert er sich an ein Abendessen in Debrecen mit Roma-Musikern, bei dem die Kossuth-nóta (ein ungarisches patriotisches Lied) und die Gotterhalte problemlos nebeneinander existieren konnten, weil – wie er betonte – „die Geschichte nicht schwarz-weiß ist, sondern aus Grautönen besteht”.

 

Ein recherchierbares Erbe

Die komplette Interviewreihe – einschließlich Audio- und Videoaufzeichnungen, Transkripten und zugehöriger Dokumentation – wurde über einen Zeitraum von sechs Jahren in sechs Phasen aus dem Archiv der Magyar Mozgóképkincs Megismertetéséért Alapítvány (Stiftung zur Förderung des ungarischen Bewegtbildarchivs) an unsere Stiftung übertragen. Insgesamt umfasst das Material mehr als 133 Stunden audiovisueller Aufzeichnungen, die zwischen 1977 und 2005 entstanden sind und fast drei Jahrzehnte des Nachdenkens, des intellektuellen Engagements und der historischen Erfahrung dokumentieren.

Nach der Archivierung wird das Material für Forschungszwecke zugänglich sein. Ausgewählte Ausschnitte sind jedoch bereits online verfügbar: ausgewählte Videoclips können auf dem YouTube-Kanal der Otto-von-Habsburg-Stiftung angesehen werden. Die Stiftung plant, in Zukunft weitere Interviewausschnitte zu veröffentlichen und so dieses bemerkenswerte audiovisuelle Material nach und nach einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.