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Ein Mitteleuropäer mit Schweizer Pass – zum Gedenken an Karel Schwarzenberg

Am 11. November 2023, im Alter von 85 Jahren verstarb Karel Schwarzenberg, der ehemalige Kanzleichef von Václav Havel und ehemalige Außenminister. Kníže Karel, oder Prinz Karl, wie er in seiner Heimat oft genannt wurde, war eine prägende Figur der tschechischen (tschechoslowakischen) Wende und der postkommunistischen Ära und war mit unserem Namensgeber ab der turbulenten Zeit der mitteleuropäischen Wenden eng verbunden.

Ein Mitteleuropäer mit Schweizer Pass – zum Gedenken an Karel Schwarzenberg

Am 11. November 2023, im Alter von 85 Jahren verstarb Karel Schwarzenberg, der ehemalige Kanzleichef von Václav Havel und ehemalige Außenminister. Kníže Karel, oder Prinz Karl, wie er in seiner Heimat oft genannt wurde, war eine prägende Figur der tschechischen (tschechoslowakischen) Wende und der postkommunistischen Ära und war mit unserem Namensgeber ab der turbulenten Zeit der mitteleuropäischen Wenden eng verbunden.

Karel Schwarzenberg war einer der letzten Vertreter der Generation, die die Wirren des 20. Jahrhunderts in (Mittel-)Europa hautnah miterlebte und deren politische und öffentliche Tätigkeit maßgeblich von den daraus gezogenen Schlussfolgerungen bestimmt wurde. Er wurde 1937 als zweites Kind einer fürstlichen Familie mit mittelfränkischen Wurzeln geboren, die nach der Auflösung der Monarchie ihrer Privilegien beraubt wurde. Ein Jahr später wurde seine Heimat durch das Münchner Abkommen geteilt, und seine Familie wurde von den Nazis und später vom entstehenden kommunistischen Regime verfolgt. Der Staatsstreich vom Februar 1948 führte schließlich zur Zwangsemigration der Familie. Schon im jungen Alter wurde er zu einem prominenten Befürworter der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), übernahm aber nie ein formelles politisches Amt in Österreich. Ab den 1960er Jahren knüpfte er Kontakte zu tschechoslowakischen Dissidenten und unterstützte hier die entstehende Oppositionsbewegung und später die verfolgten Unterzeichner der Charta 77. Seine öffentliche Tätigkeit wurde an der Jahrzehntwende von den 1970er zu den 1980er Jahren immer sichtbarer, als er sich als Präsident der Internationalen Helsinki-Föderation aus seinem Büro in seiner Wiener Wohnung für die Verwirklichung der in der Schlussakte von Helsinki verankerten Freiheitsrechte jenseits des Eisernen Vorhangs engagierte.

Nach der Wende war er als Kanzleichef von Václav Havel maßgeblich an der Gestaltung des postkommunistischen Übergangs beteiligt. Die Regierung, die in den ersten Jahren wenig Erfahrung im öffentlichen Leben hatte, verdankte dem in politischen und diplomatischen Fragen versierten Fürsten, der sich später als Mitglied des Unter- und Oberhauses der tschechischen Legislative und später als Außenminister stark für den Wiederaufbau des Landes einsetzte, viel. Sein Charisma, sein persönlicher Charme und sein politisches Talent machten ihn zu einem großartigen Netzwerker mit ausgezeichneten Kontakten in der europäischen und globalen Politik, zu denen auch prominente Persönlichkeiten wie Helmut Kohl und Henry Kissinger gehörten, der sich in seinem ikonischen Werk ,,A World Restored” wiederholt auf Felix zu Schwarzenberg, den Vorfahren des Fürsten, bezog.

Noblesse oblige, Adel verpflichtet: so lautet ein bekanntes französisches Sprichwort, und für Fürst Schwarzenberg bedeutete diese Verpflichtung tägliche Arbeit und Verantwortung für seine eigene kleinere und größere Gemeinschaften, und vor allem für die Demokratie und die Menschenrechte. Er war ein begeisterter Befürworter der Einigung des Kontinents und ein echter Mitteleuropäer, der sich in kritischen Momenten über das oft engstirnige politische Denken, das aus den Spaltungen des 20. Jahrhunderts resultierte, hinwegsetzen konnte. Er war ein homo politicus, im positiven Sinne des Wortes. In vielerlei Hinsicht war er ein Vertreter eines politischen Habitus, der dem von Otto von Habsburg ähnelte, für den die Politik ein echter Beruf war und nicht nur eine Tätigkeit, die um die Macht und des damit verbundenen Prestiges geführt wurde. Er blieb bis zu seinem Lebensende ein souveräner Denker, der auch in kontroversen Fragen, wie etwa in den politischen und öffentlichen Debatten um die Beneš -Dekrete nach der Wende, seine Meinung stets konsequent vertrat. (Seine unnachgiebige Verurteilung der Dekrete erwies sich aber als politisch riskantes Unterfangen und trug letztlich zu seiner Niederlage in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen 2013 gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Miloš Zeman bei). Diese konsequente Politikgestaltung bedeutete jedoch kein stures Beharren; seine Bereitschaft zum Dialog half ihm, in dem oft verwirrenden innen- und außenpolitischen Kontext Kompromisslösungen zu finden.

Schwarzenberg, der sich selbst oft als Mitteleuropäer mit Schweizer Pass bezeichnete, ist mit seiner politischen Karriere ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine historisch geprägte Identität in den Dienst der regionalen Entwicklung und Zusammenarbeit gestellt werden kann. Durch sein familiäres Erbe und sein fundiertes politisches, historisches, kulturelles und soziales Wissen kannte er die Dynamik der Beziehungen zwischen Prag, Budapest, Bratislava, Krakau und Wien in all ihren Nuancen wie kein anderer. Als Freund Ungarns, zu dessen Vorfahren prominente Mitglieder der Familie Festetics gehörten, war er außerdem maßgeblich an der Suche nach den sterblichen Überresten von János Esterházy beteiligt, der zum Opfer der Schauprozesse des entstehenden tschechoslowakischen kommunistischen Regimes wurde.

Im Archiv unserer Stiftung befindet sich der Briefwechsel zwischen Otto von Habsburg und Karel Schwarzenberg, der einen Einblick in die turbulente Zeit der Wenden und das darauffolgende Jahrzehnt der mitteleuropäischen Versuche sowie in seine Europapolitik gibt.[1] Ihr Briefwechsel verdeutlicht, dass das gemeinsame imperiale Erbe und die daraus resultierenden, sich oft überschneidenden Loyalitäten keine anachronistischen Hindernisse, sondern vielmehr die treibenden Kräfte der mitteleuropäischen Zusammenarbeit sind.

Eva Dvořáková, Botschafterin der Tschechischen Republik in Budapest, besichtigte bei ihrem Besuch Anfang November unsere Sammlung und blätterte in der Korrespondenz zwischen unserem Namensgeber und dem ehemaligen Außenminister mit großem Interesse. Im Laufe des Gesprächs wurde vorgeschlagen, dass ein oral history Interview mit Karel Schwarzenberg eine bereichernde Erfahrung wäre. Leider ist dies nicht mehr möglich. Dennoch sollten sein Vertrauen in vernünftige Lösungen, sein intellektuelles Vermächtnis und seine politische Vision die Zukunft Mitteleuropas und des gesamten Alten Kontinents weiterhin leiten.

 

Bence Kocsev

 


[1] Aus historischer Sicht ist der Briefwechsel mit dem Vater des verstorbenen Politikers vielleicht noch interessanter, da er ein interessantes Bild der österreichischen und émigré tschechoslowakischen Politik in den ersten drei Jahrzehnten des Kalten Krieges vermittelt. Die Briefe, die sich mit politischen Fragen befassen, werden oft durch aufschlussreiche Exkurse in die Sozial- und Kulturgeschichte ergänzt, aber der ehemalige Thronfolger bittet den Fürsten auch um Rat zu den (politischen) Risiken, die mit der Annahme einer Einladung zum Besuch des Ateliers des österreichischen Künstlers und Philosophen Friedensreich Hundertwasser in Wien verbunden waren. Es ist nicht bekannt, ob der Besuch in den späten 1960er Jahren stattfand, aber der Erzherzog muss auf jeden Fall einen positiven Eindruck auf Hundertwasser gemacht haben, der sein Werk Für die Wiederkehr der konstitutionellen Monarchie 1987 Otto von Habsburg widmete, der gerade seinen 75sten Geburtstag gefeiert hat. Der Name des Künstlers taucht auch als einer der Autoren der Festschrift auf, die im selben Jahr von Walburga Habsburg-Lothringen und Bernd Posselt herausgegeben wurde.