Quellenkritik und die Erinnerung an das letzte Krönungsmahl
Ihre gemeinsame Geschichte begann Anfang der 1970er Jahre, als der in Székesfehérvár geborene und später von Budapest aus seine Karriere in Übersee verfolgende George Lang (in Ungarn als György Láng bekannt) an seiner wegweisenden Monografie mit dem Titel The Cuisine of Hungary arbeitete. Um den historischen Hintergrund zu präzisieren, wandte sich der Autor im Sommer 1970 an Otto von Habsburg, der die letzte ungarische Königskrönung als Kind miterlebt hatte, und bat ihn, das Kapitel seines in Arbeit befindlichen Werks über das Festmahl am 30. Dezember 1916 auf der Budaer Burg zu überprüfen und zu bestätigen.[1]
In seinem Antwortschreiben vom 31. August 1970 unterstützte Otto die Forschung mit ausführlichen quellenkritischen Anmerkungen und der Schilderung seiner eigenen Erinnerungen.[2] Er stellte klar, dass der Tisch nicht mit Seide, sondern mit „kunstvoll gewebtem Leinen-Damast“ gedeckt war, und hob den zeremoniellen Charakter des 18-Gänge-Menüs hervor, das er aufgrund der strengen Vorgaben des Protokolls als besondere Ausdrucksform von Spektakel und Repräsentation, als eine Art symbolisches Mahl, beschrieb. In seinem Brief korrigierte unser Namensgeber entschieden das Missverständnis, wonach die Speisen serviert worden seien:
„Das ist ein Irrtum. Die hochrangigen Speiseträger präsentierten das Essen und trugen es dann, ohne es auf den Tisch zu stellen, sofort wieder fort und übergaben es dem Vertreter des jeweiligen Komitats. Jede Schale wurde dem König als Zeichen der Ehrerbietung präsentiert, gelangte aber unberührt zurück zu den Komitaten.“
König Karl IV. und Königin Zita nahmen bei der Zeremonie tatsächlich keinen einzigen Bissen zu sich, da die auf den Tisch gestellten Schalen ausschließlich dazu dienten, die Ehrerbietung der Komitate zum Ausdruck zu bringen. Obwohl dieser quellenkritische Abgleich im Nachlass ausführlich dokumentiert ist, fand ein eigenständiges Kapitel über das Krönungsmahl letztlich keinen Eingang in die veröffentlichte kulinarische Monografie von Georg Lang. Die in unserer Sammlung aufbewahrte Korrespondenz bewahrte somit eine solche historische Episode, die im veröffentlichten Buch letztlich gänzlich fehlte – was angesichts des Ausbleibens einer Mahlzeit im herkömmlichen Sinne vielleicht gar nicht so überraschend ist.
Zu dem erschienenen Werk und der Tätigkeit des Autors in Übersee äußerte sich György Márer übrigens in der amerikanischen Szabadság wie folgt: In der Person von Georg Lang können wir den „englischen Dolmetscher der feinen ungarischen Aromen“ verehren.[3]
Das „Gundel-Jahr“ – im Zeichen der historischen Authentizität
Die Verbindung zwischen dem Haus Habsburg und Georg Lang wurde in den 1990er Jahren wirklich eng, als Lang – gemeinsam mit dem ebenfalls ungarischstämmigen Geschäftsmann, Diplomaten und Philanthropen Ronald Lauder – das Restaurant im Stadtpark erwarb.[4] Im Juni 1993, im Vorfeld der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum der Eröffnung des ehemaligen Gasthauses, wandte sich Georg Lang erneut in einem Brief an Otto von Habsburg und bat den Erzherzog, als Anerkennung der kulinarischen und kulturellen Kontinuität der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie eine Empfehlung auf die Rückseite des geplanten Festbuchs zu verfassen.
Signatur: HOAL I-2-c-György Láng
Bei dem repräsentativen Band handelte es sich um das gemeinsam mit dem Kulturhistoriker Zoltán Halász verfasste und im Helikon-Verlag erschienene Album Gundel 1894–1994. Die Empfehlung des Erzherzogs reihte sich in eine Reihe von Beiträgen namhafter Persönlichkeiten ein, darunter des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger, des Historikers János Lukács (John Lukacs), Robert Fellowes, der als Privatsekretär der britischen Königin Elisabeth II. bekannt war, und des weltberühmten Dirigenten György Solti (Sir George Solti) sowie von Fachautoren der The Times und der The New York Times.
Otto von Habsburg – wie auch zahlreiche Fotos in unserer Sammlung belegen – sammelte im Laufe seines langen Lebens vielfältige Erfahrungen in der Gastronomie.
Otto von Habsburgs Besuche in ungarischen Restaurants (auf den unteren Bildern ist Ádám Fásy im weißen Frack zu sehen)
In seinem Nachwort auf der Rückseite des Buches ordnete er die Gastronomie – fast schon in Anlehnung an Norbert Elias’ zivilisationsgeschichtlichen Ansatz – in den größeren Prozess gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen ein und verband die Entwicklung der kulinarischen Kultur mit der Herausbildung der nationalen Identität.
„Die Kunst der Küche und der Weinauswahl sowie die Schaffung eines angemessenen Rahmens für das Servieren sind eines der wichtigsten Zeichen für die Kultiviertheit eines Landes. Seit einem Jahrhundert steht das Restaurant Gundel in enger Verbindung mit der ungarischen Nation, sowohl in ihren glanzvollen als auch in ihren von Schwierigkeiten geprägten Zeiten. Wir werten es als ermutigendes Zeichen, dass Budapest heute eine der Hochburgen der europäischen Gastronomie beherbergt, was Ungarns Aufschwung aus den Jahren der Unterdrückung hin zu einer strahlenden Zukunft verdeutlicht.“
Die Bedeutung der Verbindung zwischen dem Haus Habsburg und dem Restaurant Gundel zeigt sich darin, dass das Restaurantgebäude Schauplatz mehrerer Familienfeiern war, darunter im Dezember 1992 das Hochzeitsbankett von Erzherzogin Walburga sowie 1997 das von Georg Habsburg-Lothringen. Auch der im Restaurant aufbewahrte, nach Otto von Habsburg benannte Stammtisch dokumentiert diese historische und kulturelle Kontinuität.
Der Briefwechsel zwischen Otto von Habsburg und Georg Lang liefert nicht nur direkte archivische Hinweise zur Klärung der Ereignisse von 1916 und zum Verständnis des damaligen Hofprotokolls, sondern verleiht auch dem Bild von Georg Lang mehr Nuancen. Er zeugt von seinem tiefen Engagement für die ungarische und mitteleuropäische Geschichte und Kultur, das seine gesamte Laufbahn in Übersee geprägt hat.
Eszter Gaálné Barcs
[1] HOAL I-2-b-Láng György 1970.07.22.
[2] HOAL I-2-b-Láng György 1970. 08.31.
[3] https://ekonyvtar.sk-szeged.hu/jadox/portal/displayImage.psml?docID=23180
[4] https://adt.arcanum.com/hu/view/MagyarHirlap_1991_10_A/?query=demeter+k%C3%A1lm%C3%A1n+L%C3%A1ng+gy%C3%B6rgy&pg=212&layout=s








