Aus einem einzigen Archivdokument ergibt sich nicht nur die Geschichte eines geschickten Marketing-Schachzugs, sondern es werden auch die Versorgungsprobleme im Hinterland während des Krieges, die damaligen Bemühungen um eine Ernährung, die eine gesunde Entwicklung fördert, sowie die symbolische Bedeutung der Herrscherfamilie sichtbar.
Ein besonderes Geschenk an den königlichen Hof
Im Sommer des letzten Jahres des Ersten Weltkriegs traf ein ungewöhnliches Paket im Büro des Oberhofmeisters von Königin Zita ein. Äußerlich hätte es sowohl wie ein offizielles Dokument als auch wie ein wertvolles Geschenk wirken können: Es war mit einem breiten, mit einem Firmenlogo versehenen Papierband verschlossen, mit einer grünen Seidenkordel zusammengebunden und an drei Stellen mit rotem Siegellack versiegelt. Zudem war eine offizielle Bescheinigung des Ungarischen Königlichen Chemischen Instituts und der Zentralen Chemischen Versuchsstation beigefügt. Doch in der sorgfältig vorbereiteten Schachtel befanden sich lediglich fünfundsiebzig Kinderbiskuits.
Der Absender, Lajos Petneházy, war ein anerkannter Konditormeister aus Buda, der der königlichen Familie eine Kostprobe seiner selbst entwickelten Kreation – nach der damaligen Bezeichnung „Heilbiskuit“ – zukommen ließ. Diese Geste mag auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen, doch sie verrät viel über den Alltag eines vom Krieg erschöpften Landes: über die Lebensmittelknappheit, die Sorgen um die Ernährung der Kinder und die zunehmende Bedeutung der Wohltätigkeit.
Biskuit im Dienste der Heimatfront
Im Jahr 1918 geriet die Österreichisch-Ungarische Monarchie in eine schwere Versorgungskrise. Nach vier Jahren Kriegswirtschaft waren die Vorräte aufgebraucht, Verkehr und Transport stockten, und Lebensmittel waren immer häufiger nur noch über ein Kartensystem erhältlich. Mehl, Zucker und Eier – die wichtigsten Zutaten für Biskuit – waren immer schwerer zu beschaffen.
Ärzte warnten häufig vor den Folgen einer unzureichenden Ernährung: Eine einseitige Ernährung gefährde in besonderem Maße die Gesundheit, die körperliche Entwicklung und die Widerstandsfähigkeit von Kindern. In der öffentlichen Meinung jener Zeit gewann die Überzeugung zunehmend an Bedeutung, dass Kinder die Hüter der Zukunft der Nation seien,[1] weshalb ihre ausreichende Ernährung von einer familiären Angelegenheit zu einer gesellschaftlichen und politischen Aufgabe wurde.
Petneházy selbst sprach in diesem Sinne über seine Erfindung, die er „für die kleinen Kinder meines lieben Vaterlandes sowie für die Familien und Kranken der an die Front Abgerufenen“ entwickelt hatte. Er betrachtete den Heilbiskuit nicht als bloßes Konditoreiprodukt, sondern als nahrhaftes Erzeugnis, das inmitten der Kriegsnot der Versorgung von Kleinkindern, Kranken und den Familienangehörigen der Soldaten dienen konnte.
Der Absender
Das Geschenk stammte von einem der bedeutendsten Konditormeister im Budapest der Jahrhundertwende, der 1898 seine Gebäck- und Biskuitfabrik gegründet hatte. Seine Produkte wurden nicht nur von der Budaer Bürgerschaft, sondern auch von den vornehmen Hotels, Restaurants und Kaffeehäusern jener Zeit bestellt. Seine Bekanntheit verdankte er in erster Linie dem „Petneházy-Heilbiskuit“, doch auch seine Kuchen, Festtagstorten, Pralinen und Eissorten waren sehr gefragt. Ein Zeichen für den Erfolg seines Unternehmens war, dass er im Laufe der Jahre neben seinem Geschäft in Buda am Corvin-Platz 7 im 1. Bezirk mehrere Filialen eröffnete.
Der Name Lajos Petneházy tauchte in der zeitgenössischen Presse[2] auch unter den Förderern von Wohltätigkeitsveranstaltungen, kirchlichen Anlässen und Kulturabenden auf. Er spielte eine aktive Rolle im gesellschaftlichen Leben von Buda und nahm an Ausstellungen und internationalen Warenmessen teil. Hinter dieser Lieferung stand also nicht der Versuch eines unerfahrenen Unternehmers, sondern das wohlüberlegte Vorgehen eines erfahrenen Handwerkers.
Wissenschaftliche Bestätigung
Der Konditormeister wollte nicht nur durch die anspruchsvolle Verpackung Vertrauen wecken: Er wollte den Wert seiner Erfindung auch durch ein Zertifikat einer Fachinstitution untermauern. Noch vor Beginn der Produktion bat er das Chemische Institut, die für die königliche Familie bestimmte Probe in Anwesenheit eines königlichen Chemikers herzustellen. Die Fachleute überprüften die Rohstoffe; die Unbedenklichkeit des Produkts wurde durch Laboruntersuchungen und physiologische Tests festgestellt. Anschließend wurden fünfundsiebzig Biskuits in eine standardisierte Pappschachtel gelegt, die so verschlossen und versiegelt wurde, dass sie nicht unbemerkt geöffnet werden konnte. Die auf diese Weise gesicherte Probe durfte der Unternehmer an den Hof übermitteln.
Das am 11. Juli 1918 ausgestellte Zertifikat bescheinigte, dass das Produkt ausschließlich aus feinstgemahlenem Nullmehl, Puderzucker und Eiern hergestellt wurde und weder „Metallgifte“ noch andere gesundheitsschädliche Stoffe enthielt. Das Dokument war auch deshalb unverzichtbar, weil den königlichen Kindern ausschließlich geprüfte und sichere Lebensmittel serviert werden durften. Das offizielle Verfahren stellte eine fachliche Garantie dar, und die besondere Aufmerksamkeit, die der Heilbiskuit durch seine Bestimmung für die Habsburgerfamilie erfuhr, verlieh ihm einen besonderen Stellenwert.
Warum gerade Königin Zita?
Dem im Amt des Oberhofmeisters eingegangenen, repräsentativ aussehenden Paket ging weder eine Aufforderung des Hofes noch eine Bestellung voraus. Das Amt erkundigte sich daher per Telegramm, warum er seine Biskuits an den Hof geschickt hatte. Dieses Dokument ist nicht erhalten geblieben, doch aus dem Antwortschreiben vom 24. Juli 1918 geht hervor, was Petneházy dazu bewogen hatte.
Der Konditormeister betonte darin, dass er ihnen die Köstlichkeiten aus eigener Initiative zukommen ließ. Nach langem Experimentieren hatte er nämlich einen Kinderbiskuit entwickelt, den er für die Ernährung der Kleinsten als geeignet erachtete. Da die Königin selbst kleine Kinder großzog, sah er es als seine Pflicht an, ihnen ebenfalls etwas aus der „ersten Backrunde“ zu schicken:
„Mein größter Wunsch ist es, dass Ihre Majestät und Ihre lieben Kinder diese Köstlichkeit gnädigerweise kosten mögen.“
Im Sommer 1918 hatten Karl und Zita fünf Kinder: Der Älteste war der damals sechsjährige Thronfolger Otto, der Jüngste Karl Ludwig, der erst wenige Monate zuvor geboren worden war.
Eine mögliche Unterstützung durch das Königshaus hätte seiner neuen Erfindung besonderes Ansehen verliehen. Darüber hinaus wandte sich Petneházy an Zita nicht nur als Königin, sondern auch als Mutter und damit als symbolische Vertreterin der Kindererziehung, wobei Zitas Engagement im öffentlichen Leben diesen Zusammenhang noch verstärkte. Die Königin beteiligte sich während der Kriegsjahre als Hauptschirmherrin mehrerer Hilfsaktionen und Wohltätigkeitsorganisationen an der Unterstützung des Heimatlandes. In den Augen der Öffentlichkeit trat sie daher nicht nur als Gemahlin des Herrschers, sondern auch als Fürsprecherin der Kinder und Bedürftigen in Erscheinung.
Patriotische Geste oder raffinierter Werbegag?
Ein wiederkehrendes Motiv des Antwortschreibens ist die patriotische Selbstidentifikation. In seinem Schreiben erinnerte er als Nachfahre der „urungarischen Petneházy“ an jene in der Familienüberlieferung lebende Geschichte, wonach einer seiner Vorfahren im Jahr 1686 als Erster die ungarische Flagge an der Mauer der Budaer Burg gehisst habe.[3] Der Überlieferung zufolge sind die im Budaer Gebirge gelegene Petneházyrét und das dortige Gasthaus bis heute nach diesem Vorfahren der Familie Petneházy benannt. Damit stellte er seine eigene Geste in den Kontext der ruhmreichen Traditionen der ungarischen Geschichte, die er als patriotische Pflicht auffasste, und bat „als wahrer ungarischer Patriot“ um das Wohlwollen der Königin, in der Hoffnung, dass ihr sein Biskuit gefallen würde.
Inwieweit es sich dabei um eine selbstlose Aktion und inwieweit um einen bewussten Werbegag handelte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Quellen deuten nicht auf die Hoffnung auf einen unmittelbaren Gewinn oder einen kommerziellen Vorteil hin, doch schließen sich diese beiden Aspekte nicht gegenseitig aus: Der Heilbiskuit konnte zugleich eine gut gemeinte Spende, eine patriotische Geste und eine geschickte Produktpräsentation sein.
Haben die königlichen Kinder die Heilbiskuits probiert?
Die erhaltenen Unterlagen geben auf eine Frage keine Antwort: Ist die süße Spende tatsächlich bei Königin Zita und ihren Kindern angekommen? Das Amt des Oberhofmeisters hat den Verlauf der Angelegenheit und die Briefe des Unternehmers aufbewahrt, liefert jedoch keine Informationen darüber, ob die Biskuits tatsächlich verzehrt wurden. Auch das Tagebuch aus dem Jahr 1918, das sich im Besitz der Stiftung befindet und die Entwicklung der königlichen Kinder dokumentiert, enthält dazu keinen Hinweis.
Die Bedeutung der Geschichte liegt somit nicht in ihrem Ausgang. Die kleine Schachtel mit Heilbiskuits zeigt vielmehr, wie sich der unternehmerische Einfallsreichtum eines Konditormeisters mit den Versorgungsproblemen der letzten Kriegsmonate, dem Bedürfnis nach wissenschaftlicher Absicherung und dem öffentlichen Ansehen der Herrscherfamilie verflechten konnte.
Piroska Kocsis
[1] Zum Thema „Mutter- und Säuglingsschutz als nationale Aufgabe“ siehe hierzu: Piroska Kocsis: „Es ist eine heilige Pflicht, dass die Mutter ihr Kind selbst stillt!“ Erinnerung an den Welttag des Stillens. Website des Nationalarchivs von Ungarn (MNL OL), 19.08.2016.
[2] So erschienen beispielsweise in den damaligen Fachzeitschriften der Konditorbranche – darunter in der zwischen 1900 und 1911 erschienenen Magyar Czukrászok Lapja– mehrere Artikel, die über den Alltag des Berufsstands berichteten.
[3] Dávid Petneházy (1645–1687) nahm an der Rückeroberung von Buda im Jahr 1686 teil. Der Familienüberlieferung zufolge soll er als Erster die christliche bzw. ungarische Flagge auf der Burgmauer gehisst haben; dies wird jedoch durch eindeutige zeitgenössische Quellen nicht belegt. Da die Überlieferung auch anderen Personen – beispielsweise János Fiáth, Endre Ramocsaházy und Michele d’Aste – den Vorrang zuschreibt, lässt sich die Frage nicht eindeutig klären.
