Nach dem Tod Karls I., des letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, am 1. April 1922 blieb seine Familie im Exil, löste sich jedoch nie von der Idee der Österreichisch-Ungarischen Monarchie – oder eines mitteleuropäischen Staatsgebildes, das an ihre Stelle treten könnte. Kaiserin Zita und ihr Umfeld betrachteten Otto weiterhin als jemanden, der eines Tages eine Rolle dabei spielen könnte, die Völker der Region zusammenzuhalten. Für sie war das Habsburgerreich nicht bloß ein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit, sondern ein verlorener politischer und kultureller Rahmen, der neu gedacht werden konnte.
In den 1920er Jahren, während seiner Schulzeit, empfing der Kronprinz in Lequeitio zahlreiche Besucher aus den Ländern, die einst zum Reich gehörten: Pfadfinder, Sportmannschaften und Pilgergruppen. Diese Begegnungen zeigten auch, dass die vertriebene Herrscherfamilie den Kontakt zu ihren ehemaligen Untertanen und Anhängern nicht verloren hatte.
Doch wie waren sie in diesen abgelegenen Winkel Spaniens gelangt? Mit dem Tod Karls IV. konnte seine Familie Madeira verlassen, wohin sie zuvor von den Alliierten verbannt worden war. Der schwangeren Zita und ihren Kindern wurde von ihrem Verwandten, König Alfons XIII. von Spanien, Zuflucht gewährt: zunächst im königlichen Jagdschloss El Pardo bei Madrid und später im baskischen Fischerdorf Lequeitio. Der direkt am Meer gelegene Uribarren-Palast war ursprünglich lediglich als Sommerresidenz gedacht, wurde aber schließlich zu einem ständigen Wohnsitz und einem echten Zuhause.[1] Sie lebten dort bis 1929, als die älteren Kinder begannen, sich auf das Studium vorzubereiten.
Der Thronfolger absolvierte sein Gymnasium nach einem sorgfältig ausgearbeiteten österreichisch-ungarischen Lehrplan, der von einem Ausschuss unter der Leitung der ehemaligen Bildungsminister Max Hussarek und János Zichy überwacht wurde. Zu seinen Lehrern zählten Benediktiner aus Pannonhalma, während Graf Heinrich Degenfeld-Schönburg als sein Privaterzieher fungierte.
Die Erwartung war nicht lediglich, dass Otto eine moderne, staatsbürgerliche Bildung erwerben sollte. Kaiserin Zita rechnete weiterhin mit der Möglichkeit einer Restauration und hielt die Eignung ihres ältesten Sohnes für die Rolle eines Herrschers für von größter Bedeutung. Der Lehrplan, die Sprachen, Geschichte, Geografie und die tägliche Disziplin waren alle auf dieses Ziel ausgerichtet.
Diese Sichtweise spiegelte sich nicht nur in der Struktur seines Unterrichts wider, sondern auch in den Gegenständen, die ihn umgaben. Im Empfangsraum machte eine in einer Vitrine ausgestellte Sammlung dieses Erbe für die Besucher sichtbar. Wir wissen von diesen Gegenständen aus der Beschreibung von Hans Karl Zessner-Spitzenberg, einer prominenten Persönlichkeit der österreichischen legitimistischen Bewegung. Die repräsentative Sammlung umfasste militärische Auszeichnungen verschiedener österreichisch-ungarischer Regimenter, Münzsammlungen, Autogrammalben, Fotoalben, Kelchgläser sowie Erde aus Österreich und Ungarn.[2]
Auch das Studierzimmer war nach denselben Grundsätzen eingerichtet. Einige der in Lequeitio aufgenommenen Fotografien zeigen Otto während des Unterrichts. Die Bilder lassen erkennen, dass der zum Meer hin gelegene Raum einen Lehrertisch, einen Schülertisch, eine Tafel und einen Schrank für Lehrbücher enthielt. Unter den Lehrmitteln bewahrt die Sammlung unserer Stiftung auch das Schreibgerät auf, das der Thronfolger in Lequeitio benutzte: eine abgenutzte Stahlfeder mit Holzgriff.[3]
Die Fotografien zeigen zudem einen Globus und, an zentraler Stelle, das Kruzifix, das den Aufzeichnungen zufolge einst Karl I. gehört hatte. Unterhalb des Kreuzes hing eine Reliefkarte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Auch Zessner erwähnte dieses Objekt in seinen 1931 veröffentlichten Memoiren: „An der Vorderwand des Raumes hing eine große Karte der Gebiete der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, die – ohne dass politische Grenzen eingezeichnet waren – allein durch den Verlauf der Berge und Täler sowie die Lage der Ebenen besonders deutlich den geografischen und damit auch kulturellen Zusammenhalt der Gebiete der Ostalpen, der Sudeten, der Karpaten und des Karsts veranschaulichte.“[4] Anstatt also die durch die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg festgelegten politischen Grenzen darzustellen, präsentierte die Karte die Region als ein zusammenhängendes geografisches und kulturelles Ganzes. Auch für Otto wies sie auf eine klare Aufgabe hin: sich über die aktuellen politischen Realitäten zu erheben und die Völker Mitteleuropas wieder zusammenzuführen.
Die zeitgenössischen Tagebücher in der Obhut unserer Stiftung, die den Alltag der Kinder dokumentieren, zeigen, dass die Schüler am 1. Dezember 1922 während einer kombinierten Geografie- und Deutschstunde aus einem Kartenheft die Städte der ehemaligen Monarchie herausfinden mussten, deren Namen mit den Buchstaben „A“, „B“ oder „C“ begannen.[5] Hinter diesem Spiel stand die Absicht, dass sie sich auch in geografischer Hinsicht mit den Ländern des alten Staates vertraut machen sollten.
Unsere Sammlung wurde kürzlich um einen Teil des Nachlasses von Heinrich Degenfeld-Schonburg bereichert, der mit der Familie und insbesondere mit Otto von Habsburg in Verbindung steht. Zu dem Material, das derzeit archiviert wird, gehört auch die Wandkarte, die einst im Studierzimmer hing. Sie ist 144 cm breit und 114 cm hoch und besteht aus 16 kleinen, auf Gaze aufgezogenen Druckblättern; ihr Maßstab beträgt 1:1.000.000. Auf der reliefartigen Darstellung, die von einem mit Ranken verzierten Rand eingerahmt ist, sind lediglich die Anfangsbuchstaben der Ortsnamen angegeben. In der rechten unteren Ecke befindet sich die Inschrift: „Stumme Schul-Wandkarte von Österreich-Ungarn.“ Das Geographische Institut von Eduard Hölzel in Wien druckte Karten und Lehrbücher speziell für den Geografieunterricht an Schulen. Dieses Exemplar stammt aus dem Jahr 1888, was darauf hindeutet, dass es sich möglicherweise bereits im Besitz der königlichen Familie befand. Auf der Oberfläche findet sich nur eine einzige Bleistiftmarkierung – bei Bukarest.
Zusammengenommen zeigen die Gegenstände aus dem Studierzimmer, die Tagebücher und die erhaltene Wandkarte, wie stark die Monarchie – obwohl sie ihrer politischen Realität beraubt war – und die mit ihr verbundene Idee der mitteleuropäischen Einheit im Leben der im Exil aufwachsenden Habsburgerkinder präsent blieben. Die tiefe Überzeugung, die sich in Otto von Habsburgs Kindheit herausbildete, sollte später unter anderem in seiner Rede von 1952 in Paris wieder zum Ausdruck kommen: „Wenn wir auch nur einen einzigen Blick auf die Landkarte werfen, sehen wir, dass der Donauraum keineswegs das künstliche Geschöpf einer ehrgeizigen Dynastie war, sondern eine politische, militärische und wirtschaftliche Realität.“ [6]
„Otto stand dem Heimatland – der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie sowie dem Leben und den Problemen ihrer Bevölkerung – näher, als man hätte annehmen können.“[7]
Beáta Vitos-Merza
Péter Matolcsi[8]
[1] Pérez-Maura, Ramón: Del Imperio a La Unión Europea. La huella de Otto de Habsburgo en el siglo XX. Madrid, Rialp, 1997, 101–112.
[2] Hans Karl Zessner-Spitzenberg: Otto von Österreich. Seine Kindheit und Jugend, sein Bildungsgang. (Dem Andenken an Karl von Österreich Gedächtnisjahrbuch 3.) Wien, Tyrolia A. G., 1931, 44.
[3] Der Gegenstand war in einen Umschlag verpackt, auf dem sorgfältig vermerkt war, dass Otto von Habsburg ihn zwischen 1922 und 1929 in Lequeitió benutzt hatte.
[4] „An der Stirnwand des Zimmers hing eine große orographische Karte der Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie, die so recht deutlich, ganz ohne Einzeichnung der politischen Grenzen, rein nur durch den Zug der Gebirge und der Täler und die Lage der Ebenen die geographische und daher auch kulturelle Zusammenhörigkeit der Ostalpen-, Sudeten-, Karpathen- und Karstländer zeigt.” Zessner-Spitzenberg: Otto von Österreich, 48–49.
[5] HOAL I-1-d-81 143.
[6] Fejérdy Gergely: Habsburg Ottó Európa-koncepciója (1952). Ma is aktuális gondolatok Európáról.
[7] Csonka Emil: Habsburg Ottó. Egy különös sors története. München, Új Európa, 1972, 56.
[8] Die Erstellung dieses Beitrags wurde durch die fachliche Förderung im Rahmen des Universitätsstipendienprogramms EKÖP-25 des Ministeriums für Kultur und Innovation ermöglicht, das aus dem Nationalen Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsfonds finanziert wird.






