Fünfundfünfzig Jahre nach der deutschen Erstveröffentlichung im Jahr 1971 liegt die Sammlung historischer und politischer Essays unseres Namensgebers, Damals begann unsere Zukunft, dank der Zusammenarbeit zwischen dem Helikon Verlag und unserer Stiftung nun auch in ungarischer Sprache vor.
Diese während des Kalten Krieges verfassten Betrachtungen werfen aus einer Perspektive von mehr als fünf Jahrzehnten einen Blick auf den Zerfall der seit der Frühen Neuzeit gewachsenen Donaumonarchie und die Umbrüche, die Europa im 20. Jahrhundert prägten. Die anhaltende Aktualität dieser Fragen stand im Mittelpunkt einer Buchpräsentation mit anschließender Diskussion am Sitz unserer Stiftung.
In seiner Einführung zog Direktor Gergely Prőhle eine Parallele zwischen dem Band und A. Wess Mitchells The Grand Strategy of the Habsburg Empire, das kürzlich im Helikon Verlag in ungarischer Sprache erschienen ist. Seiner Ansicht nach verbinden beide Werke Erfahrungen aus dem öffentlichen Leben mit einer historischen Perspektive. Miklós M. Nagy, Leiter des Verlags, würdigte die sprachliche Souveränität des Autors, die in politischen Kommentaren nur selten anzutreffen sei, und verwies zugleich auf einige seiner Beobachtungen, die Anlass zur Diskussion böten. Professor Michael Gehler, Leiter des Instituts für Geschichte an der Universität Hildesheim und Verfasser des Nachworts, hob Ottos umfassendes Geschichtsverständnis hervor, das neben günstigen Entwicklungen auch Risiken und alternative Möglichkeiten berücksichtige.
An der Podiumsdiskussion nahm auch der Historiker István Hiller, ehemaliger ungarischer Minister für Bildung und Kultur, teil. Zunächst befassten sich die Diskussionsteilnehmer mit dem Zusammenstoß zwischen der Reichsidee und dem Konzept der Universalmonarchie. Otto von Habsburgs Deutung zufolge markierte die Schlacht bei Königgrätz 1866 einen Wendepunkt: Die mittelalterliche, auf theokratischen Grundlagen beruhende und von den Habsburgern über fünf Jahrhunderte hinweg weiterentwickelte Reichsidee unterlag damals dem engstirnigen Nationalismus. Otto zeichnete die langfristigen Folgen dieser Niederlage nach – vom Ersten Weltkrieg über die anschließenden Friedensverträge, die er als unzureichend und ungerecht betrachtete, bis zum Zweiten Weltkrieg und schließlich zur in Jalta begründeten internationalen Ordnung, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte.
Für die Nationen des geteilten Kontinents sah der Autor 1971 in der Idee eines vereinten Europas den einzigen Ausweg. Anschließend wandte sich das Gespräch den im Band porträtierten Staatsmännern und Denkern zu – Richard Coudenhove-Kalergi, Robert Schuman, Konrad Adenauer, Charles de Gaulle, Bruno Leoni und Salvador de Madariaga – sowie ihren Vorstellungen von einem starken, geeinten Europa, das seiner eigenen Identität treu bleibt. Die Diskussionsteilnehmer erörterten außerdem, inwiefern sich die Probleme jener Zeit in den heutigen Herausforderungen widerspiegeln: in einem von den Interessen der Großmächte geprägten geopolitischen Umfeld, in der Frage der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit Europas und im Fehlen einer eigenständigen europäischen Verteidigungsfähigkeit.
Klavierwerke von Carl Maria von Weber und Franz Schubert, vorgetragen von Máté Dömötör, bildeten den passenden musikalischen Rahmen der Veranstaltung.








