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Demokratische Experimente in Europa und Amerika

Unsere Stiftung und die Andrássy Universität Budapest veranstalteten anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der transatlantischen Beziehungen eine gemeinsame internationale Konferenz.

Demokratische Experimente in Europa und Amerika

Unsere Stiftung und die Andrássy Universität Budapest veranstalteten anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der transatlantischen Beziehungen eine gemeinsame internationale Konferenz.

Unter dem Titel „Demokratische Experimente: Mitteleuropa und die Vereinigten Staaten“ fand vom 7. bis 9. Mai im Festetics-Palast in Budapest ein dreitägiges Symposium statt.

Eröffnet wurde die Konferenz von Gergely Prőhle, dem Direktor unserer Stiftung, Professor Walter Grünzweig von der Andrássy Universität Budapest, Tamás Péter Baranyi, dem strategischen Direktor des Ungarischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, sowie Melissa Quartell als Vertreterin der Botschaft der Vereinigten Staaten in Budapest.

Der erste Konferenztag widmete sich Fragen des demokratischen Denkens und der politischen Kommunikation. Vedran Obućina (Zentrum für interreligiösen Dialog, Rijeka) untersuchte das Verhältnis zwischen Reinhold Niebuhrs christlichem Realismus und der demokratischen Gesellschaft. Dabei stellte er die Frage, wie sich die biblisch begründete Suche des Einzelnen nach Wahrheit mit politischer Macht sowie mit einer zum moralischen Relativismus tendierenden Gesellschaft vereinbaren lässt.

Melani Barlai (Andrássy Universität Budapest) analysierte die ungarischen Parlamentswahlen der vergangenen Jahrzehnte und diskutierte demokratische Innovationen, also die Möglichkeiten zur Stärkung des demokratischen Gespürs von Wählern und der Zivilgesellschaft.

Dorottya Szénási, Forscherin am RETÖRKI (Forschungsinstitut für politische Geschichte und Wende), stellte anhand des Nachlasses von Tibor Flórián, der an der Hoover Institution in Kalifornien aufbewahrt wird, die Frühgeschichte von Radio Freies Europa vor. Sie argumentierte, dass sich das Lebenswerk des Redakteurs (auch) im Spannungsfeld von Objektivität, politischer Propaganda, neutraler Informationsvermittlung und Identitätsbewahrung interpretieren lasse.

Im Mittelpunkt des zweiten Podiums stand das Konzept des „dualen Experiments“ – die wechselseitige Beeinflussung amerikanischer und mitteleuropäischer politischer Ideen. „Ungarn ist meine Mutter, Amerika ist meine Frau“ – dieses berühmte Bonmot von John Lukacs bildete den Ausgangspunkt für den Vortrag von Máté Botos von der Katholischen Péter-Pázmány-Universität. Lukacs setzte sich ausführlich mit den unterschiedlichen Demokratievorstellungen auseinander, denen er auf beiden Kontinenten begegnete, ordnete deren Entwicklung in einen breiteren historischen Zusammenhang ein und warnte vor denen, die selbst den Begriff Demokratie zu einer Ideologie gestalten. Sein konservatives, liberales, bürgerliches, katholisches Weltbild war stark von Alexis de Tocqueville geprägt; insbesondere griff er dessen Warnungen vor den Gefahren der Massendemokratie auf. Mit Sorge betrachtete Lukacs eine amerikanische Sichtweise, der es häufig an historischem Bewusstsein fehle und die dazu neige, sich selbst als universelles, kulturunabhängiges Ordnungsprinzip zu verstehen.

In seinem Plenarvortrag widmete sich Professor Pieter Judson (Europäisches Hochschulinstitut, Florenz) den liberalen politischen und gesellschaftlichen Idealen der Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert: einer auf Privateigentum beruhenden Wirtschaftsordnung, dem Ideal menschlicher Selbstvervollkommnung sowie der Vision eines harmonischen Zusammenlebens der Völker, das die soziale Spannungen überwinden könne. Darüber hinaus analysierte er, wie dieser intellektuelle Rahmen auf den erstarkenden Nationalismus von den 1880er Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs reagierte. Judson betonte, dass die Habsburgermonarchie mit ihrem multinationalen Charakter selbst als ein einzigartiges demokratisches Experiment verstanden werden könne.

Der erste Tag endete mit der Eröffnung einer besonderen Ausstellung. Unter der Leitung von Márton Méhes (Collegium Hungaricum, Wien) untersuchten Studierende der Andrássy Universität, wie mitteleuropäische Ortsnamen auf der Landkarte der Vereinigten Staaten weiterleben – von Vienna in Virginia bis Balaton in Minnesota.

Das Programm am Freitag konzentrierte sich auf die amerikanische Wahrnehmung Mitteleuropas sowie auf Vergleiche zwischen transatlantischen politischen Systemen. In dem ersten Teil erörterten die polnischen Forscher Katarzyna und Piotr Drąg die Darstellung Mitteleuropas in der Ausstellung der Ronald Reagan Presidential Library and Museum. Gábor Csizmazia (Nationalen Universität für den Öffentlichen Dienst) analysierte die außenpolitischen Grundsätze und Praktiken, die den Diskurs des US-Kongresses über Mitteleuropa zwischen 2023 und 2026 prägten. Tamás Péter Baranyi, Strategischer Direktor des Ungarischen Instituts für Internationale Angelegenheiten, widmete sich ebenfalls der zeitgenössischen amerikanischen Außenpolitik. Er untersuchte, wie Mitteleuropa von den Vereinigten Staaten häufig als Teil einer größeren geopolitischen Einheit wahrgenommen wird, die wegen unserer Region manipuliert werden kann, und wie sich diese Perspektive im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte entwickelt hat.

Besonders großes Interesse galt der Podiumsdiskussion zum Thema transatlantischer Autoritarismus. Professor Dieter A. Binder (Andrássy Universität Budapest) untersuchte internationale Muster autoritärer Tendenzen anhand von Themen wie Nationalismus, Populismus, Illiberalismus, autoritären Regimen und Erinnerungspolitik. In Anlehnung an diese Fragestellungen analysierte Professorin Ellen Bos (Andrássy Universität Budapest) die Entstehung des sogenannten „Orbán-Modells“ im amerikanischen politischen Diskurs.

Bence Kocsev, Forscher der Otto-von-Habsburg-Stiftung, untersuchte die Beziehung zwischen Otto von Habsburg und der amerikanischen konservativen Bewegung. Dabei beleuchtete er sowohl die intellektuellen und politischen Einflüsse, denen Erzherzog Otto ausgesetzt war, als auch die Art und Weise, wie er selbst das Weltbild bedeutender konservativer Denker prägte, darunter William F. Buckley Jr., Russell Kirk, Barry Goldwater und Edwin J. Feulner.

Die Podiumsdiskussionen am Nachmittag widmeten sich den politischen und kulturellen Fragen der Zwischenkriegszeit und des Kalten Krieges. Gergely Romsics (Eötvös-Loránd-Universität) erörterte die Wurzeln des Antiamerikanismus in Mitteleuropa nach 1918. Zu den maßgeblichen Faktoren zählten antiliberale Stimmungen sowie die Kritik am Friedensplan von Wilson, der von fast allen Zeitgenossen als zutiefst mangelhaft angesehen wurde. Hinzu kamen die Reaktionen jener Völker und ethnischen Gruppen, die entschlossen waren, ihre Traditionen und ethnischen Identitäten zu bewahren. Zoltán Peterecz (Katholische Universität Károly Eszterházy) interpretierte die geopolitischen Prioritäten der Vereinigten Staaten anhand von Berichten amerikanischer Diplomaten, die in der Tschechoslowakei, in Polen und in Ungarn stationiert waren. Tibor Glant (Universität Debrecen) analysierte das sich wandelnde Bild Ungarns in den Vereinigten Staaten während der Zwischenkriegszeit. Während die amerikanische Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts Ungarn im Allgemeinen wohlwollend gegenüberstand – insbesondere dank Lajos Kossuths Amerikareise von 1851–1852 –, wurde dieses Bild allmählich von der Nationalitätenpolitik der Doppelmonarchie, den Entwicklungen während des Ersten Weltkriegs sowie den Lobbyaktivitäten ethnischer Interessengruppen überschattet.

Das Publikum kam in den Genuss eines besonders eindrucksvollen Vortrags von Professor Larry Wolff von der New York University, der über die Entstehungsgeschichte und die verborgene politische Symbolik der Oper Die Frau ohne Schatten von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss sprach. Sowohl sein Vortrag als auch sein kürzlich erschienenes Buch The Shadow of the Empress: Fairy-Tale Opera and the End of the Habsburg Monarchy vertreten die These, dass die Oper nicht nur ein symbolisches Märchen darstellt, sondern zugleich eine der bedeutendsten kulturellen Reflexionen über den Niedergang der Habsburgermonarchie ist.

Hofmannsthal und Strauss arbeiteten während des Ersten Weltkriegs an dem Werk und erwarteten dessen Uraufführung nach einem Sieg des Deutschen Reiches und der Habsburgermonarchie. Als die Oper jedoch 1919 an der Wiener Staatsoper aufgeführt wurde, war die Monarchie bereits zusammengebrochen, und das letzte Kaiserpaar, Kaiser Karl und Kaiserin Zita, war ins Exil gezwungen worden. Wolff zeigte, wie eng die märchenhafte Welt der Oper mit den politischen Realitäten ihrer Zeit verflochten war: Hinter den Figuren des Kaisers und der Kaiserin erscheinen die Schatten der Habsburgerdynastie selbst, während das Werk zugleich die moralische und geistige Krise des vom Krieg erschütterten Europas widerspiegelt.

Die der Nachkriegszeit gewidmete Podiumsdiskussion wurde mit einem Vortrag von Alexandra Bandl vom Leibniz-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur eröffnet, die den ungarischen Schauprozess gegen das American Jewish Joint Distribution Committee (1952–1953) in den breiteren Kontext antisemitischer politischer Kampagnen im sowjetisch geprägten Ostmitteleuropa einordnete. Maximilian Graf (Österreichisches Staatsarchiv) erörterte die österreichische Außenpolitik gegenüber den Staaten der Region nach 1945. Das Verhältnis zwischen Geschichtsinterpretation und Ideologie wurde von Csaba Lévai und Máté Gergely Balogh (Universität Debrecen) untersucht. Ihre Vorträge beleuchteten, wie der Staatssozialismus die Wahrnehmung der Vereinigten Staaten in Ungarn und in gewissem Maße auch in Polen prägte. Anhand der sich wandelnden Interpretationen der Amerikanischen Revolution veranschaulichte Csaba Lévai die ideologischen Schwerpunktverschiebungen sowie die sich verändernden Bedeutungen von Begriffen wie „Revolution“ und „Bourgeoisie“. Zugleich zeigte er auf, wie unterschiedlich der Zugang zu westlicher Wissenschaft in den einzelnen Epochen war. Máté Gergely Balogh untersuchte, wie der ungarische Staatssicherheitsapparat das politische System der Vereinigten Staaten darstellte: In offiziellen Berichten wurde die amerikanische Demokratie häufig als bloße „bürgerliche Fassade“ beschrieben, hinter der sich die vermeintlichen Symptome einer Krise des Kapitalismus verbargen.

Der Freitag endete mit einem sehr persönlichen Vortrag von Professor Andrei S. Markovits (University of Michigan), in dem er über seinen Lebensweg von der Habsburger Welt nach Amerika reflektierte. Der in Temeswar geborene Politikwissenschaftler und Germanist erinnerte an seine multikulturelle Kindheit, seine Jahre am Wiener Internat Theresianum nach der Emigration seiner Familie im Jahr 1960, seine Übersiedlung in die Vereinigten Staaten sowie an seine anschließende akademische Laufbahn, die ihn unter anderem an die Columbia University und die Harvard University führte. Im Laufe seines Lebens begegnete er einer außergewöhnlichen Zahl bedeutender Gelehrter, an die er in seinen Memoiren The Passport as Home: Comfort in Rootlessness erinnert.

Der letzte Tag der Konferenz am Samstag stand im Zeichen transatlantischer Verbindungen in Literatur, Föderalismus und Wirtschaftstheorie. Im Bereich der Literaturwissenschaft untersuchte Nina Bostić Bishop (Universität Ljubljana) das Phänomen des Translingualismus anhand der Werke des in Sarajevo geborenen amerikanischen Schriftstellers Aleksandar Hemon und zeigte auf, wie das Leben zwischen zwei Sprachen und Kulturen nicht als Nachteil, sondern als Quelle von Stärke verstanden werden kann. Sie zitierte: „Wenn man Englisch mit Akzent spricht, bedeutet das, dass man eine andere Sprache beherrscht.

Der polnische Wissenschaftler Marek Paryż verglich die Schriften von Henryk Sienkiewicz mit den amerikanischen Reiseberichten von Krystyna Narbuttówna aus den 1870er Jahren und untersuchte, wie mitteleuropäische Autoren Amerika jenseits der romantischen Mythologie des Wilden Westens wahrnahmen. Gábor Bednanics (Katholische Universität Károly Eszterházy) konzentrierte sich auf die Beziehung zwischen der ungarischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts und der amerikanischen Moderne, einschließlich des Einflusses von Walt Whitman auf das Denken und die Lyrik von Lajos Kassák. Whitman nahm auch in Erika Capovillas Vortrag (Universität Udine) einen zentralen Platz ein: Für Stefan Zweig verkörperte der amerikanische Dichter die Möglichkeit, Demokratie, Europa und Humanismus inmitten der Krisen der Zwischenkriegszeit miteinander zu verbinden.

Die abschließende Podiumsdiskussion des Tages befasste sich mit Fragen des Föderalismus und sozioökonomischen Modellen. Der Historiker Siebo M. H. Janssen verglich die Staatsstruktur von Bosnien und Herzegowina mit der historischen Entwicklung des belgischen föderalen Systems und betonte dabei, dass die Unterschiede zwischen beiden Modellen größer seien als die Gemeinsamkeiten. Im Verlauf der Diskussion wurde von den Teilnehmern sogar die Möglichkeit erörtert, dass der Libanon in gewisser Hinsicht eine noch nähere Parallele zur bosnischen Situation darstellen könnte. Joseph Malherek (York College of Pennsylvania) zeigte auf, wie die amerikanische Wirtschafts- und Stadtkultur des 20. Jahrhunderts von linksgerichteten Intellektuellen aus Mitteleuropa geprägt wurde. Er konzentrierte sich insbesondere auf Paul Lazarsfeld und Victor Gruen, deren Forschung und Innovationen die Stadtlandschaft der westlichen Welt – von Einkaufszentren bis hin zu öffentlichen Plätzen – grundlegend veränderten und durch sich wandelnde Konsumgewohnheiten auch die Gesellschaft selbst prägten. Der Vortrag befasste sich zudem mit dem Einfluss von László Moholy-Nagy auf Design und visuelle Kultur und veranschaulichte so den tiefgreifenden Einfluss, den mitteleuropäische Emigranten auf die amerikanische Moderne hatten.

Das dreitägige Symposium bot nicht nur neue historische und politische Perspektiven, sondern zeigte auch, dass Fragen des demokratischen Denkens und der transatlantischen Beziehungen weiterhin Gegenstand lebhafter aktueller Debatten sind. Die Vielfalt des Programms – das politische Denken, Literatur, Geopolitik und Kulturgeschichte umfasste – machte deutlich, dass die Beziehung zwischen Mitteleuropa und den Vereinigten Staaten nicht nur eine diplomatische oder historische Angelegenheit ist, sondern auch eine gemeinsame kulturelle und intellektuelle Erfahrung darstellt.