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Renommierte Historiker aus Übersee

Im Anschluss an die gemeinsam mit der Andrássy Universität veranstaltete Konferenz „Demokratische Experimente – Mitteleuropa und die Vereinigten Staaten“ (7.–9. Mai) hatte unsere Stiftung am Samstagnachmittag das Vergnügen, drei renommierte amerikanische Historiker zu empfangen. Alle drei Wissenschaftler sind auf die Geschichte unserer Region spezialisiert; zwei von ihnen – Larry Wolff und Andrei Markovits – haben zudem familiäre Wurzeln im Gebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Renommierte Historiker aus Übersee

Im Anschluss an die gemeinsam mit der Andrássy Universität veranstaltete Konferenz „Demokratische Experimente – Mitteleuropa und die Vereinigten Staaten“ (7.–9. Mai) hatte unsere Stiftung am Samstagnachmittag das Vergnügen, drei renommierte amerikanische Historiker zu empfangen. Alle drei Wissenschaftler sind auf die Geschichte unserer Region spezialisiert; zwei von ihnen – Larry Wolff und Andrei Markovits – haben zudem familiäre Wurzeln im Gebiet der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Pieter M. Judson (geb. 1956) promovierte 1997 an der Columbia University mit einer Dissertation zu einem Thema, das ihm der dort lehrende ungarische Historiker István Deák vorgeschlagen hatte. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den politischen, sozialen und kulturellen Aspekten der mitteleuropäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere auf der Geschichte der Habsburgermonarchie. Zu seinen wissenschaftlichen Interessen zählen die Wechselwirkungen zwischen Liberalismus, Nationalismus, Staat, nationaler Identität und imperialen Bestrebungen. Im Laufe seiner Karriere erhielt er zahlreiche renommierte Stipendien; mehrere seiner Bücher fanden in der Geschichtswissenschaft breite Anerkennung. Derzeit ist er emeritierter Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

Judson hielt am 7. Mai einen Vortrag mit dem Titel „19th-Century Liberal Democracy, Habsburg Monarchy Style“. Darin untersuchte er die zentralen Elemente   der liberalen Politik und Gesellschaftsvision der Monarchie: eine auf Privateigentum basierende Wirtschaftsordnung, das Ideal des sich selbst vervollkommnenden Individuums sowie die Vorstellung eines harmonischen Zusammenlebens der Völker, das gesellschaftliche Trennlinien überwinden könne. Darüber hinaus analysierte er, wie dieser ideologische Rahmen auf den zunehmenden Nationalismus der Zeit zwischen den 1880er Jahren und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs reagierte. Während seines Besuchs widmete Professor Judson unserer Stiftung die kürzlich erschienene ungarische Ausgabe seines Buches The Habsburg Empire: A New History.

Larry Wolff (geb. 1957) ist Professor an der New York University, Direktor des NYU Center for European and Mediterranean Studies sowie Geschäftsführer des NYU Remarque Institute. Als Spezialist für Osteuropa, die Habsburgermonarchie und die Aufklärung richten sich seine kulturhistorischen Forschungen auf jene intellektuellen Räume, die unterschiedliche Kulturwelten miteinander verbinden – Ost und West, den Vatikan und Polen, Venedig und Dalmatien sowie Wien und Galizien.

Sein Vortrag im Rahmen der Tagung widmete sich der Zusammenarbeit zwischen Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss während des Ersten Weltkriegs. In einem faszinierenden, durch Musikausschnitte bereicherten Vortrag erörterte er die verborgenen politischen Anspielungen in Die Frau ohne Schatten und deutete das Werk als Allegorie auf den Niedergang der Habsburgermonarchie. Sein Buch zu diesem Thema erschien unter dem Titel The Shadow of the Empress: Fairy-Tale Opera and the End of the Habsburg Monarchy.

Andrei S. Markovits (geb. 1948) wurde in Temeswar geboren und zog im Alter von zehn Jahren mit seiner Familie nach Wien, wo er das renommierte Theresianum absolvierte. Anschließend ging er nach New York und promovierte 1976 an der Columbia University in Politikwissenschaft. Mehr als zwei Jahrzehnte lang war er am Center for European Studies der Harvard University tätig. Er lehrte an zahlreichen amerikanischen und europäischen Universitäten und ist derzeit Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Germanistik an der University of Michigan. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die deutsche und österreichische Politik, Antisemitismus, Antiamerikanismus, die Geschichte der modernen europäischen sozialdemokratischen Parteien und Bewegungen, soziale Bewegungen sowie die vergleichende Sportwissenschaft.

In seinem sehr persönlichen Konferenzvortrag „From Temesvár to Michigan: A Habsburg Journey to Transatlantic Life“ erinnerte sich Markovits an seine Kindheit in einem multiethnischen Umfeld, an seine Schuljahre nach der Emigration seiner Familie im Jahr 1958 sowie an seine spätere Ansiedlung in den Vereinigten Staaten. Zudem reflektierte er über seine akademische Laufbahn, die ihn zu Professuren an der Columbia University und der Harvard University führte. Auf seinem Lebensweg begegnete er zahlreichen außergewöhnlich begabten Menschen, deren Andenken er in seinen Memoiren The Passport as Home: Comfort in Rootlessness festhielt.

Während des Besuchs am Samstag hatten unsere Gäste Gelegenheit, mehrere bemerkenswerte Exponate aus der Sammlung der Otto-von-Habsburg-Stiftung kennenzulernen. Mit großem Interesse erkundeten sie unser Fotoarchiv; dabei kam es zu einer überraschenden Entdeckung: Anhand von Kindheitserinnerungen konnten sie eine Schauspielerin identifizieren, die auf Fotografien gemeinsam mit Otto von Habsburg und mehreren Hollywood-Stars zu sehen ist. Die Professoren, die bereits bestens mit der für ihre Forschung relevanten Fachliteratur und den einschlägigen Archivbeständen vertraut waren, würdigten die Bestände unserer Stiftung in höchsten Tönen. Besonders beeindruckt zeigten sie sich von den seltenen Auszeichnungen und persönlichen Erinnerungsstücken, die in der Sammlung bewahrt werden.

Anlässlich des Besuchs zeichneten wir zudem individuelle Podcast-Gespräche mit allen drei Historikern auf, die jeweils an die Themen ihrer Konferenzvorträge anknüpften. Die Interviews werden in Kürze auf unserer Website verfügbar sein.

Das Treffen bot den international renommierten Wissenschaftlern eine besondere Gelegenheit, die Sammlung und die wissenschaftliche Gemeinschaft der Otto-von-Habsburg-Stiftung persönlich kennenzulernen. Die Gespräche und der Gedankenaustausch bestätigten einmal mehr, dass das Interesse an der Geschichte der Habsburgermonarchie und Mitteleuropas nach wie vor ein lebendiges Bindeglied darstellt, das wissenschaftliche Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten und Europa ebenso verbindet wie ältere und jüngere Forschergenerationen.