Auf der Brücke der Novara: Miklós Horthy und die diensthabenden Offiziere, darunter Stanislaus Witkowski (zweiter von rechts).
Am 15. Mai 1917 begann die österreichisch-ungarische Marine eine kühne Operation in der Straße von Otranto. Unter dem Kommando von Miklós Horthy durchbrachen die leichten Kreuzer Novara, Saida und Helgoland die alliierte Sperrlinie und fügten den gegnerischen Kräften erhebliche Verluste zu. Das Gefecht, das später als Schlacht in der Straße von Otranto bekannt wurde, entwickelte sich zur bekanntesten und erfolgreichsten Marineoperation der Habsburgermonarchie und machte Horthy weit über militärische Kreise hinaus bekannt. Von besonderer historischer Bedeutung ist daher das Schiffslogbuch, das heute zur Sammlung der Otto-von-Habsburg-Stiftung gehört. Das Dokument zeichnet nicht nur den Alltag an Bord der Novara nach, sondern enthält auch einen unmittelbaren Bericht über die Ereignisse der Schlacht von Otranto. Nach heutigem Kenntnisstand ist keine andere marinehistorische Quelle aus dem frühen 20. Jahrhundert bekannt, die einen vergleichbaren Detailreichtum und eine ähnlich unmittelbare Perspektive bietet.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erfasste Europa ein intensives maritimes Wettrüsten. Im Jahr 1911 leitete die Österreichisch-Ungarische Monarchie – nicht zuletzt als Reaktion auf den Ausbau der italienischen Flotte – ein umfassendes Modernisierungsprogramm für ihre Kriegsmarine ein. Im Zuge dieser Bemühungen entstand eine der modernsten und schnellsten Kreuzerklassen ihrer Zeit, zu der auch der leichte Kreuzer Novara gehörte. Das Schiff wurde auf der ungarischen Werft Ganz & Co. Danubius gebaut und im Januar 1915 in Dienst gestellt. Dank seiner hohen Geschwindigkeit, modernen Ausstattung und starken Bewaffnung wurde die Novara später vor allem als Flaggschiff Miklós Horthys bekannt.
Das in unserer Sammlung entdeckte Logbuch mit dem Titel Bord-Buch stammt von Bord der Novara. Es umfasst insgesamt 1.280 tägliche Einträge aus dem Zeitraum vom 23. Mai 1915 bis zum 31. Oktober 1918 und ist in mehrere Kapitel gegliedert. Neben den schriftlichen Aufzeichnungen enthält der Band Fotografien, spätere Ergänzungen sowie weitere begleitende Texte. Die Einträge wurden überwiegend auf Deutsch verfasst, enthalten jedoch auch italienische und vereinzelt englische Passagen.
Oberes Bild: Der Untergang des Schlachtschiffs Szent István am 10. Juni 1918.
Unteres Bild: Offiziere der Novara am 9. Januar 1916; Stanislaus Witkowski ist mit einem Fernglas um den Hals zu erkennen.
Das erste Kapitel des Logbuchs umfasst den Zeitraum vom 23. Mai bis zum 21. Dezember 1915. Hier wird auch die Identität des Verfassers deutlich. Unter der Überschrift „Sammlung offizieller Berichte, aufgezeichnet an Bord der SMS Novara“ nennt Stanislaus Witkowski seinen Namen und bestätigt den Eintrag mit seiner Unterschrift.
Witkowski diente unter dem Kommando von Miklós Horthy als Artillerieoffizier auf der Novara. Während der Schlacht von Otranto übernahm er das Kommando über das Schiff, nachdem Horthy verwundet worden war und das Bewusstsein verloren hatte sowie Korvettenkapitän Róbert Szuborits im Gefecht gefallen war.
Das zweite Kapitel dokumentiert die Ereignisse zwischen dem 22. Dezember 1915 und dem 29. November 1916. In diesem Zeitraum beschreibt das Logbuch vor allem Aufklärungsmissionen gegen Durazzo, Manfredonia und die südliche Adria sowie die Verfolgung eines feindlichen Kreuzers.
Aufnahmen, die zwischen dem 22. April und dem 3. Juni 1917 an Bord der Novara entstanden. Zu sehen ist Stanislaus Witkowski bei einer Einweisung der Besatzung.
Den wertvollsten Teil des Logbuchs bildet das dritte Kapitel, das den Zeitraum vom 30. November 1916 bis zum 21. Dezember 1917 umfasst. Es enthält ausführliche Berichte über die Schlacht von Otranto am 15. Mai 1917 sowie den anschließenden Besuch Kaiser und König Karls. Das Kapitel beginnt mit einem Foto, das Witkowski bei der Einweisung der Besatzung am Morgen des Gefechts zeigt. Von besonderem historischem Wert ist das darin enthaltene Einsatzlogbuch des Schlachttages. Es dokumentiert die Bewegungen des Kreuzers, die Wetterverhältnisse, die Reaktionen des Gegners sowie die Aktivitäten der Begleitschiffe mit bemerkenswerter Genauigkeit. Zu den seltensten Bestandteilen des Bandes zählen die erhaltenen Original-Luftaufnahmen, die den Verlauf der Schlacht nahezu minutengenau festhalten: Die erste Aufnahme entstand um 9:40 Uhr, die letzte um 12:30 Uhr.
Luftaufnahmen der Schlacht in der Straße von Otranto
Die erste Seite des Logbuchs enthält zudem eine Fotografie, die noch am Tag der Schlacht in Pola aufgenommen wurde und deren Folgen dokumentiert. Im Juni 1917 besuchte Kaiser und König Karl in Begleitung von Admiral Maximilian Njegovan und seinem Adjutanten Zdenko Lobkowitz persönlich die Novara. Der Monarch zeichnete die Angehörigen des Kommandostabes des Schiffes aus und verewigte sich mit seiner eigenhändigen Unterschrift im Logbuch. Dort findet sich folgende Eintragung:
„Unterschrift Seiner Majestät des Kaisers während seines Besuchs in Pola am 3. Juni 1917. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Kommandant eine Auszeichnung.“
Im Anschluss an die offizielle Zeremonie überreichte die Besatzung Karl I. das Mützenabzeichen des Kreuzers, das er an seiner Uniform befestigte. Sowohl der Besuch des Kaisers als auch diese symbolische Geste verdeutlichen, welch hohe Bedeutung der Operation von Otranto bereits von den Zeitgenossen beigemessen wurde.
Oberes Bild: Karl I. bei der Unterzeichnung von Witkowskis Logbuch.
Mittleres Bild: Die erste Seite des Logbuchs mit einer Darstellung der Folgen der Schlacht von Otranto und der Unterschrift Karls I. Pola, 3. Juni 1917.
Unteres Bild: Karl I. beim Anstecken des Mützenabzeichens der Novara in Anwesenheit von Maximilian Njegovan, Zdenko Lobkowitz und Stanislaus Witkowski.
Am 1. November 1917 wurde Witkowski zum Korvettenkapitän befördert und zum Kommandanten des Zerstörers Velebit ernannt. Seine Kriegslaufbahn blieb auch in den folgenden Monaten ereignisreich: Am 10. Juni 1918 wurde er Zeuge der letzten Stunden des österreichisch-ungarischen Schlachtschiffs SMS Szent István, das nach einem italienischen Torpedoangriff sank.
Im vierten und letzten Kapitel des Logbuchs (22. Dezember 1917 – 31. Oktober 1918) dokumentiert Witkowski daher nicht nur die Aktivitäten der Novara, sondern erwähnt auch den Zerstörer SMS Ulan sowie das Vor-Dreadnought-Schlachtschiff SMS Árpád der Habsburg-Klasse. Die Aufzeichnungen enden am 31. Oktober 1918 und verzeichnen detailliert, welche Siegermächte nach Kriegsende die Kontrolle über die einzelnen Schiffe der ehemaligen kaiserlich-königlichen Flotte übernahmen.
Die letzten Stunden des Schlachtschiffs SMS Szent István, 10. Juni 1918.
Im Logbuch haben sich mehr als siebzig Fotografien erhalten, die während größerer Einsätze entstanden. Darunter befinden sich Luftaufnahmen, Bilder versenkter feindlicher Schiffe, Aufnahmen von Volltreffern, Fotografien des im Gefecht beschädigten Kreuzers Novara nach der Schlacht in der Straße von Otranto, Horthy und Witkowski im Gespräch sowie vier Aufnahmen, die den Untergang der SMS Szent István dokumentieren.
Für Otto von Habsburg war die Erinnerung an die kaiserlich-königliche Kriegsmarine Teil jener umfassenden monarchischen Tradition, die er sein Leben lang pflegte und verkörperte. Als Sohn und rechtmäßiger Thronfolger von Kaiser und König Karl wäre ihm im Falle einer Wiederherstellung der Monarchie die Rolle des obersten Schirmherrn und Oberbefehlshabers der Streitkräfte, einschließlich der Marine, zugefallen. Otto von Habsburg stand mit mehreren ehemaligen Marineoffizieren in Kontakt, die ihre Erinnerungen in Briefen und bei persönlichen Begegnungen mit ihm teilten. Zu ihnen gehörte Korvettenkapitän Géza Paksy, mit dem er 1961 korrespondierte. Nach dem Krieg betrieb Paksy zunächst eine Fahrschule in Pécs, bevor er sich der spanischen Fremdenlegion anschloss. Später verfolgte er Pläne zur Gründung einer Fluggesellschaft in Westafrika, die jedoch durch den sich zuspitzenden spanisch-marokkanischen Konflikt vereitelt wurden.
Von besonderer Bedeutung war auch der umfangreiche Briefwechsel zwischen dem Thronfolger und Oberleutnant Gottfried von Banfield, dem letzten noch lebenden Träger des Militär-Maria-Theresien-Ordens. Die Korrespondenz erstreckte sich von 1970 bis 1984 und mündete schließlich in eine persönliche Begegnung. In ihren Gesprächen kehrten sie immer wieder zu Triest, Doberdò und anderen Kriegsschauplätzen sowie zur Marinegeschichte der Monarchie zurück.
Während seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten erhielt Otto zudem mehrere Briefe von einem der bekanntesten Marineoffiziere der Monarchie, Korvettenkapitän Georg von Trapp, sowie von dessen Frau Maria von Trapp, die ebenfalls nach Amerika ausgewandert waren. Ihre Namen sind einem breiten Publikum durch das weltberühmte Musical und den Film The Sound of Music vertraut, die auf der Geschichte der Familie Trapp basieren. (Auf die Beziehungen zwischen der Familie Habsburg und den Trapps gehen wir in einem anderen Artikel näher ein.) Georg von Trapp war jedoch nicht nur als Familienoberhaupt der Trapp-Familie bekannt, sondern auch einer der erfolgreichsten U-Boot-Kommandanten der österreichisch-ungarischen Marine. Während des Ersten Weltkriegs machte er eine herausragende militärische Karriere und versenkte elf Handelsschiffe, einen französischen Panzerkreuzer sowie ein italienisches U-Boot. Für seine Leistungen wurde er am 1. Mai 1918 zum Korvettenkapitän befördert und zum Kommandanten des Marinestützpunktes in Cattaro ernannt. 1924 erhielt er das Ritterkreuz des Militär-Maria-Theresien-Ordens. Otto schätzte ihn stets als loyalen und verlässlichen Weggefährten und besuchte ihn 1940 persönlich in Pennsylvania.
Doch nicht nur Offiziere aus dem eigenen Land suchten den Kontakt zu Otto, auch ausländische Marineoffiziere traten mit ihm in Verbindung. So führte der italienische Konteradmiral Adalberto Mariano im Jahr 1959 einen Briefwechsel mit dem Thronfolger über die Monarchistische Union. Mariano hatte an beiden Weltkriegen teilgenommen. Im Ersten Weltkrieg erwarb er die Qualifikation als Luftschiffpilot, bevor er anschließend als Offizier sowohl auf Schlachtschiffen als auch auf U-Booten diente.
Otto von Habsburg widmete ehemaligen Militärangehörigen, die der Dynastie gedient hatten, stets besondere Aufmerksamkeit. Er verfolgte nicht nur die Aktivitäten von Veteranenverbänden, sondern sorgte auch dafür, dass er ehemaligen Angehörigen der Monarchie auf ihrem letzten Weg durch Beileidsbekundungen seine Anteilnahme erwies, selbst wenn er nicht persönlich anwesend sein konnte.
Das Logbuch der Novara stellt eine außergewöhnliche Quelle zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Marine, der Seekriegsführung im Ersten Weltkrieg und der Erinnerungskultur der Habsburgermonarchie dar. Der Band bewahrt nicht nur die Erinnerung an eine legendäre Seeschlacht, sondern lässt zugleich das Leben jener wiederaufleben, die in den letzten Jahren der Monarchie auf See dienten.
Ádám Suslik







